Goldene Narben

In Japan gibt es eine uralte Kunstrichtung, die aus der Not eine Tugend gemacht hat. Sie wird genannt, was man ungefähr mit „Goldflicken“ übersetzen kann. Wenn ein kostbares Porzellan zerbrochen ist, wird es nicht einfach weggeworfen, sondern die Bruchstücke werden mit einer Mischung aus Lack und Goldstaub wieder kunstvoll zusammengefügt. Die Bruchstellen des Materials werden dabei nicht verdeckt, sondern ganz im Gegenteil: Sie werden zu einem sichtbaren Teil der Geschichte des Objekts, die zu einer ganz neuen Schönheit beitragen.

Der Mathematiker und katholische Philosoph Blaise Pascal (1623-1662) hat einmal sehr treffend gesagt: „Es ist nicht auszudenken, was Gott aus den Bruchstücken unseres Lebens machen kann, wenn wir sie ihm ganz überlassen.“

Genau das haben viele Heilige auf ihrem Bekehrungsweg getan. Sie waren sich ihrer menschlichen Zerbrechlichkeit bewusst. Sie hätten daran verzweifeln können. Aber sie alle vertrauten auf Jesus, den „himmlischen Kintsugi-Künstler“. Er hat die Wunden, die ihnen das Leben oder die Sünden geschlagen haben, mit dem Lack seiner Barmherzigkeit und dem Goldstaub seiner unendlichen Liebe kunstvoll zusammengefügt und geheilt. Sie haben ihm ihre Schwächen hingehalten, weil sie der Verheißung vertrauten, die im Psalm 51 so wunderbar zum Ausdruck kommt:

„Ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verschmähen.“ Es geht also immer um die Bereitschaft, uns mit allen unseren Schwächen dem Heiland hinzugeben. So kann er uns Heilung und damit Heiligkeit schenken. Er wird die Bruchstücke zusammenfügen. Es bleiben zwar die Narben, aber sie werden vergoldet – wie die verklärten Wunden bei seiner Auferstehung.