Sich nicht hinunterziehen lassen

Ein Krebsfischer in China hat reiche Beute gemacht. Ein Korb voll zappelnder Krebse steht in seinem Boot. Der Fischer aber streckt sich behaglich am Strand ins Gras und schläft. Da weckt ihn ein Vorübergehender auf und ruft ihm besorgt zu: “Mann, deine Krebse! Sie suchen das Weite, während du schläfst.”

Aber der Fischer reibt sich nur die Augen und lacht: “Keine Sorge, mein Lieber. Ich kenne das Zeug. Es kommt keiner über den Rand, so sehr er sich auch anstrengt. Sobald ein Krebs am Korbrand ein wenig hochgekommen ist, hängen sich andere Krebse mit ihren Scheren an ihn, bis dem ersten die Last zu schwer wird und sie alle wieder in den Korb zurückpurzeln. Die sorgen untereinander dafür, dass keiner in die Freiheit entkommen kann.”

So ist es leider oft mit uns: Es gibt so viele Dinge, durch die wir uns gegenseitig hinunterziehen: das schlechte Reden über andere, die Sünden, das schlechte Beispiel, falsche Freundschaften … Der Herr aber zieht uns aus dieser Gefangenschaft heraus, wenn wir ihn lieben.

Probieren geht über Studieren

Ein Märchen aus Persien erzählt von einem alten König, der einen Nachfolger für seinen Thron suchte. Er rief alle Männer seines Reiches zu sich, um durch eine Prüfung herauszufinden, wer der rechte sei. Tausende kamen voll Hoffnung. Der König zeigte ihnen zunächst ein riesiges schmiedeeisernes Tor mit einem starken Schloss.

«Wer dieses Tor öffnen kann», sagte er, «soll mein Nachfolger werden!» Einige der Männer schüttelten die Köpfe und gingen gleich weg. Die meisten schauten sich das Tor genau an, sie berieten sich untereinander, aber gaben am Ende auch auf. Nur ein einziger blieb zurück. Er schaute sich das Tor ebenfalls genau an, dann ging er auf das Tor, zog kräftig  siehe da, es öffnete sich! Wie hatte er es bloß fertiggebracht?  Ganz einfach: Das Tor war gar nicht verschlossen gewesen, es war nur angelehnt.

Uns geht es auch oft so, wenn wir etwas Gutes tun sollten. Wir bilden uns sofort falsche Vorstellungen und sehen Probleme, wo keine sind, und machen nicht einmal einen Versuch, etwas zu tun; und warum? Der hl. Anselm von Canterbury sagt: „Wir sagen oft, das wir etwas nicht können, nicht weil es uns unmöglich wäre, sondern weil wir es nicht ohne Schwierigkeiten vermögen.“ Ein Versuch würde zeigen, dass es doch nicht so schwierig ist.

Vollkommenheit ist keine Kleinigkeit

Der berühmte Bildhauer Michelangelo Buonarotti (1475 bis 1564) arbeitete einst an einer Statue. Während er in seinem Atelier unermüdlich immer wieder den Meißel ansetzte, wurde er von vielen seiner Freunde besucht. Einer kam besonders oft und zeigte großes Interesse für seine Arbeit. Nach einigen Besuchen wagte er, seinen Freund zu fragen, was er eigentlich an der Statue noch ändere. Er merke keine besondere Veränderung seit einigen Besuchen. Der Künstler antwortete ihm: “Du bist gewaltig im Irrtum, sieh nur genauer zu, ich habe diesen Teil geglättet, an jenem etwas weggenommen, im habe in den Zügen noch verschiedentlich gearbeitet, habe ihnen mehr Weichheit gegeben, diese Lippe ist hier ausdrucksvoller geworden und dieser Muskel hier ist stärker hervorgetreten.“ Da bemerkte der Besucher: „Das mag schon richtig sein, aber das sind doch alles nur Kleinigkeiten.“ „Ganz recht“, entgegnete Michelangelo, „Du darfst aber nicht vergessen, dass die Kleinigkeiten die Vollkommenheit ausmachen und dass die Vollkommenheit keine Kleinigkeit ist.“

Die Tür zu Gott

Eine russische Legende erzählt:
Es waren einmal zwei Mönche, die in einem Weisheitsbuch eine Stelle fanden, wo geschrieben stand: Es gebe in der Welt einen Ort, an dem der Himmel auf geheimnisvolle Weise die Erde berühre. Es sei dort eine Tür. Man brauche nur anzuklopfen und dann befinde man sich direkt bei Gott.

Sie waren fest entschlossen diesen Ort zu suchen. Sie durchpilgerten die ganze Welt von Ost bis West, unzählige Gefahren drohten, sie von der Suche abzubringen. Aber die Mönche wehrten alle Versuchungen ab. Bis sie schließlich doch diese geheimnisvolle Tür fanden. Mit bangem Herzen standen sie davor, sie klopfeten an, öffneten und traten ein. Als sie die Augen erhoben, da fand sich jeder der beiden Mönche in seiner eigenen Klosterzelle wieder, von der er ausgezogen war.

Der Ort wo Himmel und Erde sich berühren, wo der Mensch Gott begegnet und ihn findet, wo das große Glück des Menschen liegt, das ist der Ort, wo Gott uns hingestellt hat. Das Gute liegt so nah.

Mit dem Kleid der Wahrheit

In den vergangenen Monaten war in den Medien viel die Rede vom Film “Sakrileg” bzw. in englisch “The Da Vinci Code”, der nun in den Kinos gelaufen ist. “Sakrileg” ist die Verfilmung des gleichnamigen Buches von Dan Brown, das im vergangenen Jahr ungeheure Popularität erlangt und sich zu einem absoluten Bestseller entwickelt hat. Es wurden schon über 30 Millionen Exemplare verkauft, davon eine Million in Deutschland.

In seinem Buch gibt Dan Brown vor, etwas aufzudecken und bekannt zu machen, was bis jetzt verborgen und von der Kirche mit allen Mitteln unterdrückt worden war. Er behauptet, dass alles, was er hier schreibt und nachweist, der Realität entspricht. Kurz zusammengefasst behauptet er: Jesus wäre nicht am Kreuz gestorben. Er hätte Maria Magdalena geheiratet und mit ihr Kinder gehabt. Er wäre mit Frau und Kind nach Frankreich geflüchtet und dort würden noch Nachkommen von ihm leben. Die Kirche hätte Jesus erst beim Konzil von Nicäa (325) zum Gott erklärt und suchte nun mit allen Mitteln die Wahrheit über Jesus zu unterdrücken und auch die Nachkommen auszurotten. Dabei spielt das Opus Dei eine wichtige Rolle. Das Geheimnis von den Nachkommen Jesu wird von einer geheimen Bruderschaft gehütet, vom Priorat von Sion, usw.

Das Buch liest sich wie ein spannender Kriminalroman, aber eben mit dem Anspruch, es sei die Realität. Abgesehen davon, dass diese Behauptungen und die Beweise, die Dan Brown dafür liefert, keiner ernsthaften wissenschaftlichen Prüfung standhalten können, sondern nur willkürlich zusammengestellte Phantasieprodukte sind, müsste auch ein normaler Mensch mit gesundem Hausverstand dieses Lügengebäude leicht durchschauen können. Aber das ist leider nicht so. Denn der ungeheure Verkaufserfolg des Buches zeigt, dass sich doch viele Menschen von “dieser Enthüllung der Wahrheit” anziehen lassen und auch daran zu glauben beginnen.

Warum dies so ist, dass der Mensch so leicht und gerne die Lüge für die Wahrheit hält, lässt sich am besten mit der folgenden Parabel erklären: “Im Paradies gingen die Wahrheit und die Lüge miteinander im Garten spazieren. Die Wahrheit war sehr schön, und wurde von den Menschen geliebt. Die Lüge aber war hässlich, hatte ein schmutziges, zerrissenes Kleid und die Menschen hassten sie. Es war ein sehr heißer Tag. Als sie an einen See kamen, sagte die Lüge, dass es sehr angenehm wäre, im See zu baden. Die Wahrheit war einverstanden. Sie zogen ihre Kleider aus und beschlossen, gemeinsam ins Wasser zu springen. Aber als die Wahrheit ins Wasser sprang, blieb die Lüge am Ufer stehen. Sie schlüpfte schnell in das Kleid der Wahrheit und lief davon. Die Wahrheit blieb nackt und bloß zurück und hatte nur mehr das Kleid der Lüge.
Und seit dieser Zeit läuft die Lüge immer mit dem Kleid der Wahrheit herum, und wenn die Lüge daherkommt, sind die Menschen ganz fasziniert von ihr und nehmen sie begeistert bei sich auf, weil sie meinen, es sei die Wahrheit. Und wenn die Wahrheit kommt, dann wollen die Menschen nicht viel mit ihr zu tun haben und sie schämen sich mit ihr, weil sie so nackt ist.

Die Gnade unseres katholischen Glaubens lehrt uns vor allem eines: nämlich die Lüge von der Wahrheit zu unterscheiden, und die Täuschungen der Lüge zu durchschauen. Jesus hängt entblößt am Kreuz, der schützenden Kleider beraubt. Und doch: Er ist die Wahrheit.

Nach dem Maß, mit dem ihr messt

Jesus hat in der Bergpredigt über die Nächstenliebe gesagt: „Nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird euch zugeteilt werden“ (Mt 7,2). Unser Verhalten gegen die Mitmenschen beginnt schon in den Gedanken. Die Mitmenschen werden für uns so sein, wie wir sie beurteilen und was wir von ihnen halten. Ob wir Gutes oder Schlechtes über sie denken, es kommt im selben Maß auf uns zurück. Diese Erfahrung haben auch schon die alten Griechen gemacht. Von Äsop, dem Fabeldichter ist uns folgende Begebenheit berichtet.

Äsop saß einmal am Rande der Straße, die nach Athen hinein führte, als er von einem Vorübergehenden angesprochen wurde: “Sagt, guter Mann, was für ein Menschenschlag ist es, der hier bei euch in der Stadt lebt?”

Äsop gab ihm nicht sofort eine Antwort, sondern wandte sich zunächst mit einer Gegenfrage an ihn: “Sag mir doch bitte erst, Fremder, woher du kommst und was für eine Art Menschen bei euch daheim wohnen!”

“Ich komme geradewegs aus Argos”, meinte jener und runzelte dabei die Stirn. “Die Leute dort taugen gar nichts: Lauter Dummköpfe sind sie und Lügner, nichts als Halunken und Diebe, streitsüchtig und ungerecht. Ich bin froh, endlich von ihnen weggekommen zu sein.” “Ach wie schade”, antwortete ihm Äsop dann und setzte dabei eine tief betrübte Miene auf, “Du wirst unsere Athener nicht anders finden … !”

Schon bald darauf kam wieder ein Reisender vorbei, der ihm die gleiche Frage stellte. Doch als Äsop sich auch bei ihm nach seinem Herkunftsort und den Bewohnern seiner Heimatstadt erkundigte, gab der, ohne lange nachzudenken, zur Antwort:

“Aus Argos komme ich soeben, aus Argos, einer wahrhaft liebenswerten Stadt: Die Leute dort sind alle so freundlich und hilfsbereit, so weise, so ehrbar, so wahrhaftig. Ganz ungern nur habe ich sie verlassen und kann schon jetzt die Rückkehr zu ihnen kaum erwarten!” Da stahl sich ein leises Lächeln in das Gesicht des weisen Dichters und er sagte: “Mein Freund, wie freue ich mich für Dich  und wie freue mich, Dir sagen zu können: So, gerade so wirst Du unsere Athener auch finden … !”