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Warum erbarmst du dich nicht deiner armen Seele?

krippe06In den 60-ger Jahren, während der Zeit des Kommunismus hat sich in der Ukraine im Gebiet von Donetsk folgendes Weihnachtswunder ereignet.

Natascha, die Frau eines Försters hatte ihren Mann im Krieg verloren. Ihr einziger Sohn, der sich den Widerstandskämpfern angeschlossen hatte, war von einem Freund verraten, von den “Roten”, d.h. von den kommunistischen Milizen erwischt und erhängt worden. Als Natascha vor ihrem toten Sohn stand, sagte eine Stimme in ihr: “Lästere Gott!” und eine andere: “Bete für die Henker!” “Einen Atemzug lang schwankte ich, dann habe ich gewählt”, verriet sie später einmal Pater Dimitri. Seither führte sie ein zurückgezogenes Leben im Gebet. Es hatte sich auch das Gerücht verbreitet, Natascha sei irrsinnig geworden; aber ‘geschützt’ durch dieses Gerücht, stellte sie ihr Haus und ihren Stall dem Untergrundpriester Pater Dimitri zur Verfügung, der immer wieder zu ihr kam, um mit vielen Gläubigen heimlich die hl. Messe zu feiern.

An jenem Weihnachtsabend feierte P. Dimitri mit vielen Gläubigen im Stall die Mitternachtsmette. Natascha wollte vorne vor der Tür des Hauses Wache halten, um die Leute zu warnen, wenn Gefahr drohte. Es begann gerade die Predigt, die sie von ferne hörte. Natascha war ganz versunken in das Weihnachtsgeheimnis.

Plötzlich schnellte sie auf. “Wer ist da?” Eine schwere Hand fällt auf ihre Schulter, eine andere hält ihr den Mund zu. “Schweig, alte Hexe! Das ist also dein ‘Irrsinn’?” Ein fürchterlicher Schlag wirft sie zu Boden und drückt gleichzeitig die Türe auf, so dass Natascha im Gang hilflos liegen bleibt. Der Mann schließt die Türe sorgfältig hinter sich zu. Er grinst: “Gefangen in der Mausefalle! Jetzt werde ich dich bald zum Sprechen bringen! Vorwärts, gestehe! Woher kommt der Priester?” Natascha fasst sich. Die Schulter schmerzt schrecklich. Die ganze Schwere der Lage wird ihr bewusst. Wie hat sie sich auf diese Weise überlisten lassen! “Gottesmutter, nimm mein Leben, lass aber keinen der anderen zugrunde gehen!” “Es wird wohl die ganze Nacht dauern”, sagt der Mann. “Meine Milizen sind in einer Stunde da. Indessen wollen wir uns etwas unterhalten. Sag mir, was du eben unter der Türe getan hast!” Natascha vernimmt deutlich mit den Ohren der Seele die Worte, die ihr eingegeben werden. Sie erwidert mit lauter Stimme: “Ich habe für dich gebetet.” Der Mann dreht sich zu ihr. “Hört, hört”, schreit er und lacht höhnisch. “An soviel Ehre habe ich nicht gedacht! Du hast für mich gebetet! Für mich, der dir den Hals umdrehen kann, sofort … sofort!”

Natascha spürt den Würgegriff an ihrer Kehle. Sie fühlt aber keinerlei Angst, sie lauscht nur auf die innere Stimme und wiederholt Wort um Wort, was sie hört: “Nicht ich bin zu beklagen! Du bist es. Warum erbarmst du dich nicht deiner armen Seele?” “Meine Seele, meine Seele! Ich müsste vorerst wissen, ob eine vorhanden ist!” “Schau doch: siehst du nichts?” “Hexe! Schweig!” “Ich bin keine Hexe. Deine Seele ist wie ein gefesseltes Kind. Wie ein verhungertes Kind! Wie ein gefangenes Kind! Erbarme dich deiner Seele!”

Der Mann scheint vom Blitz getroffen zu sein. Sie stehen sich gegenüber, sie mit dem Rücken zur Wand, er im vollen Licht. Seine zerrissenen Züge verraten eine unsägliche Angst. Er zittert, und seine Zähne klappern und knirschen. “Oh! Deine Seele!” Plötzlich stößt die Frau einen Schrei aus. An seiner Stimme hat sie ihn erkannt. Das Herzblut steigt ihr ins Gesicht. “O du! Für dich bete ich, du hast meinen Sohn erhängt”, ruft sie mit dumpfer Stimme, während sie innerlich noch einmal das Martyrium ihres Sohnes nacherlebt. Und nun hat er wohl auch das Programm dieser weihnachtlichen Zusammenkunft ausspioniert. Und er hofft, dass dieses grausame Unternehmen ihm eine Beförderung erwirke. Seine Milizen warten also auf den Pfiff, der bedeutet, dass das Wild in die Falle gegangen ist. Es bleibt noch dieser Pfiff! In diesem Augenblick geschieht das Unfassbare. Der Mann vor ihr bricht in die Knie. Ein wildes Schluchzen schüttelt seinen Körper. Langsam neigt sich Natascha zu ihm nieder und legt die Arme um ihn. “Friede, mein Kind! Es ist die Nacht des Friedens.” Er wendet ihr sein noch junges, tränenüberströmtes Gesicht zu: “Was muss ich tun, Mütterchen?” “Komm”, erwidert sie, “man erwartet dich.” Sie nimmt ihn bei der Hand, führt ihn zum Stall und öffnet die Türe. Pater Dimitri verstummt, alle Blicke wenden sich dem Eintretenden zu. “Ich bringe euch jetzt einen Bruder”, stellt Natascha den Unbekannten vor.